„Und, wohin geht deine Reise?“ - „In die Ukraine.“ Diese Antwort hat mehr als nur einmal Verwunderung ausgelöst. Denn dass das keine Urlaubsreise werden würde, auch wenn die Ukraine als Land so einiges zu bieten hat, war allen klar.
Im Juni 2026 machten wir uns in einer Gruppe von acht Mitgliedern unserer Kirchengemeinde auf den Weg. Unser Ziel: Mykolajiw im Süden der Ukraine, an einem langen Ausläufer des schwarzen Meeres gelegen, Zentrum einer fruchtbaren und landwirtschaftlich reichen Region. Die Front der russischen Invasion ist mehrfach über die Dörfer der Region hin- und hergezogen, hat Minenfelder, zerstörte Häuser, mit Schlaglöchern übersäte Straßen, eingestürzte Brücken und Ruinen orthodoxer Kirchen hinterlassen – und dabei zig-tausende Schicksale getroffen, Lebenspläne durchkreuzt, Hunger, Krankheit und Tod mitgebracht. Schon kurz nach der Invasion und sobald Dörfer befreit wurden, hat die Organisation YWAM Kyiv* begonnen, in Hausbauprojekten zu den Menschen zu kommen, die es am dringendsten nötig hatten, und mit Wiederaufbau und Neubau von Häusern zu helfen. In erster Linie mit einem neuen Dach über dem Kopf, doch noch viel mehr mit einem Lichtstrahl an Hoffnung.
An diesen „Waves of hope“ beteiligen sich seit 2022 immer wieder Teams aus vielen verschiedenen Ländern. Unterstützung kommt aus den USA und Lateinamerika, aus Skandinavien – und auch aus Deutschland. Für die meisten von uns war das die erste Reise dieser Art, Jörg Decher war schon zweimal dabei und konnte uns im Vorhinein bereits auf den Einsatz vorbereiten. Unser „German Team“ hatte die Aufgabe, innerhalb der sechs Arbeitstage der Projektwoche zwei Häuser fertigzustellen.
Zum technischen Aspekt: Die gebauten Häuser sind pragmatische Bauten aus einzelnen Paneelen. Zwischen zwei Alu-blechen befindet sich eine dicke Schicht aus festem Isolationsmaterial. Die Paneele lassen sich entlang von am Fundament fixierten Profilen als Wände aufbauen. Zum Dachfirst werden sie schräg abgeschnitten, zudem durchzieht eine zusätzliche Innenwand das Haus. Weitere dieser Paneele bilden das Dach. Alles wird mit Nieten fest verbunden, mit Bauschaum und Silikon werden Fugen abgedichtet, es werden Fenster und Türen eingesetzt und ein Boden verlegt. So entsteht Wohnraum von etwas mehr als 40 m². Klingt einfach, war es für uns am Anfang jedoch nicht so ganz. Mit Anleitung und etwas Übung hat der Aufbau des zweiten Hauses dann aber schon in unter drei Arbeitstagen gut funktioniert. Am Ende der Woche hatten wir unser Ziel erreicht und konnten zwei Häuser übergeben, die Wind, Wetter und Winter standhalten können. Und die für die Familien, die darin einziehen, viel mehr sind, als „nur“ ein Haus.
In den Begegnungen mit den Ukrainerinnen und Ukrainern ist uns klar geworden: Es hat ihnen nicht nur viel bedeutet, dass sie nach langer Zeit endlich wieder in einem unzerstörten Haus wohnen können. Sondern dass sich viele Menschen die Zeit nehmen, auf den Weg machen, Geld und Kraft investieren, um trotz allem bei ihnen zu sein. Sie sind nicht vergessen, sie sind nicht unsichtbar. Ein Gefühl, das mit dem Begriff
„Solidarität“ nur ungenau beschrieben werden kann. Wir durften die Dankbarkeit von Menschen erleben und sind dadurch selbst beschenkt worden. Wir durften Hoffnung weitergeben und haben eine viel größere Perspektive gewonnen. Wir durften für und mit Menschen beten und haben gesehen, wie wir in unserem Glauben an Gott in allem und trotz allem zusammen gehören. Und Sven Hirschfeld hat es treffend formuliert: „Wir haben ein Stück unseres Herzens in der Ukraine zurückgelassen.“
Genauso hat es uns viel bedeutet, um die Unterstützung aus der Heimat und von Familie und Freunden zu wissen. Wir sind sehr dankbar für alle Spenden, die nicht nur die Finanzierung „unserer“ Häuser gesichert haben, sondern den Familien auch Einkäufe für die erste Einrichtung der neuen eigenen vier Wände ermöglichten.
Als Besonderheit gab es mit unserer Reise zum ersten Mal auch ein medizinisches Angebot. Kirsten Bradt und Michael Riesen haben an drei Vormittagen eine ärztliche Sprechstunde anbieten können. In einer verlassenen Hausarztpraxis haben wir Räumlichkeiten vorgefunden, die wir für Untersuchungen, Beratungen und Gespräche nutzen konnten. Unsere Freundin Marie John**, die für uns übersetzt hat, machte das Praxis-Team komplett.
Aus Deutschland wurden wir durch die Krankenhäuser, an denen wir arbeiten, und durch zahlreiche Privatpersonen unterstützt, sodass wir einen gut ausgestatteten Medizin-Koffer dabei hatten. In der Versorgung der Menschen ging es um Untersuchung von Blutdruck und Blutzucker, die Verteilung von hauptsächlich Schmerzmittel und Antibiotika, grundlegende orthopädische und chirurgische Untersuchungen und Urindiagnostik, Beratungsgespräche zu verordneten Medikamenten oder geplanten Operationen. Doch genau wie bei den Häusern und auch nicht wirklich überraschend, war das Sichtbare nur die Spitze des Eisbergs. Wenn sich im Gespräch die Gelegenheit ergab, hatten die Menschen Raum, über ihre Symptome hinaus von ihren Belastungen zu erzählen, sodass wir einen Einblick in die Herausforderungen der aktuellen Lebenswelt der Ukrainerinnen und Ukrainer bekommen konnten. Nicht selten kamen auch traumatische Erlebnisse von Überfällen durch Soldaten oder Detonationen in unmittelbarer Nähe zur Sprache. So waren diese Gespräche und auch die Mitgabe von Medikamenten zur Beruhigung oder zum Schlafen Teil unserer Sprechstunde.
Die Medikamente, die wir nicht direkt verteilt hatten, konnten wir zum Abschluss unserer Reise in einem der Dörfer einer telemedizinischen Praxis weitergeben. Dort arbeitet eine Krankenschwester für die Region und kann in Kontakt mit Medizinerinnen und Medizinern aus den Städten und manchmal auch international eine gute Basis-Versorgung für die Bevölkerung anbieten. Dennoch sind gerade die älteren Menschen auf den Dörfern durch die schwierige Infrastruktur weiterhin nicht gut versorgt.
Wir waren nur diese eine Woche da, immer in dem Wissen, dass wir bald wieder in unserem gewohnten Alltag in Sicherheit sein werden. Wir waren von vielem nicht überrascht, da wir in den Medien schon vieles gesehen und gelesen haben. Und doch hat diese eine Woche einen besonderen Eindruck hinterlassen: Wir haben von dem gehört, was die Menschen erlebten, bevor es von Berichterstattern aufgenommen werden konnte. Wir haben empfunden, wie es sich anfühlt, wenn Drohnen in der Nähe und Gewehrfeuer und Explosionen zu hören sind. Wir haben gesehen, was übrig bleibt, wenn die vermeintliche neue Normalität Einzug hält und doch nichts so ist, wie es sein soll.
„Not lehrt beten“, so heißt es. Doch wer erst in der Not zu beten anfängt, dem fehlt es an der Grundlage des Vertrauens zu dem, an den die Gebete gerichtet sind. Aber dieses Vertrauen haben wir bei so vielen der Ukrainerinnen und Ukrainer gesehen. Es macht die Not nicht kleiner, doch gibt es die Gewissheit, dass die Not nicht allein getragen werden muss. Denn fernab von allen menschlichen Streitereien auf der großen Weltbühne, die unabsichtlich oder auch mit voller Absicht menschliches Leid in Kauf nehmen: Gott begegnet Menschen auf Augenhöhe. In Jesus sorgt er für die allerwichtigsten Dinge in diesem Leben und darüber hinaus, indem er uns mit sich versöhnt. Und in der diesseitigen Not hilft er tragen, ist mitten im Leid dabei. Und manchmal schickt er ein „German Team“ – Verzeihung – SEIN „German Team“ um für seine Iryna, Halyna, Oleg, Artem und Tatyana zu sorgen.
Die „Wave of Hope“ war für uns eine intensive und eindrückliche Erfahrung von Dankbarkeit, Bewahrung, Anstrengung und Menschlichkeit. Unsere Hoffnung ist, dass auch die beschenkten Familien, die nun wieder ein sicheres zu Hause haben, gut und lange darin leben können.
Und außerdem: Nach der „Wave“ ist vor der „Wave“, oder nicht?
*„Youth with a Mission“ (dt. „Jugend mit einer Mission“) ist eine internationale Organisation, die die Botschaft des Evangeliums in die Welt tragen möchte. An vielen Orten der Welt setzen sie sich dafür ein, gerade junge Menschen zu unterstützen, die ebenfalls dieses Ziel verfolgen und sich in vielfältigen Projekten dafür einsetzen.
**Marie gehört mit ihrem Mann Japhin mit zum Team von YWAM Kyiv. Seit 2022 werden Marie und Japhin von der Matthäusgemeinde für die Arbeit vor Ort unterstützt